Im Spannungsfeld zwischen gefühlter persönlicher Sicherheit und Europa

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© Birgit Hupfeld

Im Grenzgang zwischen Schauspiel und Tanz lotet »SAFE PLACES«, das neue Projekt von Falk Richter und Anouk van Dijk, den Spielraum privater und politischer Strategien im Umgang mit einer offenen Gesellschaft in Europa aus. Am 8. Oktober wird das Stück im Schauspielhaus uraufgeführt. Der Autor Falk Richter und die Choreographin Anouk van Dijk im Gespräch mit Cordula Kehr über das Gefühl von Sicherheit, die Festung Europa und das Tanzen.

»SAFE PLACES« – der Titel eurer neuen Produktion hat vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatte um Sicherheit beinahe etwas Utopisches. Sicherheit, so scheint es, ist aktuell immer schon gefährdet. Welche Überlegungen haben euch zu »SAFE PLACES« geführt und von welcher Sicherheit sprecht ihr?

Anouk van Dijk: Unsere letzte Arbeit »Complexity of Belonging« hat sich mit der australischen Identität beschäftigt und dem Zugehörigkeitsgefühl, das Menschen in westlichen Gesellschaften haben. Australien ist eine vielschichtige Einwanderungsgesellschaft, die geprägt ist durch eine anhaltende Sensibilität sowie Konflikte mit der indigenen Bevölkerung – der ältesten bis heute existierenden Kulturgemeinschaft der Welt. Als wir angefangen haben, über die neue Arbeit zu sprechen, war schnell klar, dass die Situation in Europa sich in den letzten Jahren sehr gewandelt hat. Die Frage nach Identität hat an Bedeutung gewonnen, die sichere Identität, die Europäer hatten, ist ins Wanken geraten und auch das Gefühl von Sicherheit hat sich in Europa dramatisch verändert. Deswegen war für Falk klar, dass er über diese Veränderung schreiben wollte. Und dann ist die Idee von »SAFE PLACES« auch schön, weil sie damit spielt, dass es nur etwas Sicheres geben kann, wenn es auch etwas Unsicheres gibt. Und was für mich ein sicherer Ort ist, unterscheidet sich sehr von dem, was für dich ein sicherer Ort ist. Gleiches gilt für verschiedene Kulturen und Länder in Europa. Wie wir Sicherheit wahrnehmen, ist sehr unterschiedlich.

Our previous work »Complexity of Belonging« was about the Australian identity and the sense of belonging people have in Western societies. Australia is a multiple immigrant culture with an ongoing sensitivity and conflict with its indigenous people, the oldest living culture in the world. When we started to talk about this work, it was very clear that the situation in Europe has changed a lot over the last couple of years. The whole sense of identity is high up on the agenda in Europe, the whole sense of secure identity that Europeans had has shifted and the whole sense of safety has dramatically shifted in Europe. So it was really clear for Falk that he wanted to write about this shift. And then the idea of »SAFE PLACES« is very beautiful because the idea of a safe place is that there is something safe therefore there is also something unsafe. And what is a safe place for me is very different from what is a safe place for you and then from one culture to another culture and from one country to another country in Europe. How we perceive safety is very, very different.

Falk Richter: Es geht in dem Stück um die Sicherheit, die Menschen im Moment in Europa suchen, und die Angst, die sie haben, diese Sicherheit zu verlieren. Aber auch darum, was mit Menschen passiert, die sich auf einmal nicht mehr sicher fühlen. In Deutschland fühlen sich Menschen plötzlich nicht mehr sicher aufgrund von unrealistischen Vorstellungen oder Angstfantasien darüber, was passiert, wenn Geflüchtete nach Deutschland kommen. Dadurch hat der Rechtspopulismus wahnsinnig zugenommen. Es ist doch interessant, dass Sicherheit ein unglaublich individuelles Gefühl ist. Objektiv lässt sich meistens nur schwer feststellen, ob eine Situation sicher ist. Der ganze Abend bewegt sich deswegen in dem Spannungsfeld von gefühlter persönlicher (Un)Sicherheit und von Europa, das seit dem zweiten Weltkrieg als ein sicherer Ort, eine Festung, angesehen wurde und das jetzt gerade ins Schwanken geraten ist bzw. scheinbar kein sicherer Ort mehr ist.

Auf der einen Seite also das individuelle Gefühl – Macht sich das auch körperlich bemerkbar?

Anouk van Dijk: Auf jeden Fall! Das Gefühl von Sicherheit ist unmittelbar im Körper verwurzelt. Wenn du dich nicht sicher fühlst, bist du wachsamer und ruheloser. Du bist nicht sicher, ob du gehört wirst, ob die Entscheidungen, die du triffst, die richtigen sind.

Totally! Feeling safe or feeling what safety means is immediately rooted in the body. You know when you are unsafe you feel more alert, more restless, you are not sure if you’ll be heard, if the decisions you make are the right ones.

Auf der anderen Seite Europa, das sich verändert und deswegen von einigen nicht mehr als sicherer Ort wahrgenommen wird. Wie in »Fear« hat auch in »SAFE PLACES« eine Personifizierung von Europa ihren Auftritt.

Falk Richter: Diese Europa-Figur hat mich einfach nochmal interessiert. Wie sie jetzt versucht, Kontrolle und Ordnung herzustellen, da ihr die so entgleiten. Europa befindet sich gerade in einer Art Auflösungsprozess, der Zusammenhalt unter den europäischen Staaten gerät ins Schwanken, die europäische Union ist kein wirklich starkes System mehr. Constanze Becker spricht diese Texte, die schon auf der Textebene zeigen, hier ist eine Kontrollmacht, der langsam die Funktion oder die Möglichkeit, wirklich Ordnung zu schaffen, ausgeht und die in Turbulenzen gerät.

Diese Figur zeigt auch die vielen Widersprüche auf, die Europa ausmachen. Wie arbeiten denn Schauspiel und Tanz zusammen, um die komplexen Konzepte und Stimmungen darzustellen, die in eurem Stück eine Rolle spielen?

© Birgit Hupfeld

© Birgit Hupfeld

Anouk van Dijk: Ich denke, der Ausgangspunkt ist die Energie, die jeder Einzelne in sich fühlt. Es geht darum, auf die Umwelt zu reagieren, die Falk beschreibt. Wie gesagt, es gibt diese gesteigerte Wachsamkeit. Du bist nicht mehr unbedingt sicher an Orten, wo du dich sonst sicher gefühlt hast. Was geschieht mit dir, wenn das passiert? Wie verändert das die Art, wie du auf deine Umwelt reagierst? Was die Bewegungen betrifft, habe ich besonders untersucht, wie Menschen einerseits Gruppen bilden, aber andererseits immer vereinzelt sind und damit alleingelassen, wie sie sich zu diesen Fragestellungen positionieren. Wenn du dir zu Hause im Internet den Hass ansiehst, den Menschen ständig auskotzen, wie verhältst du dich dazu? Viele Menschen wollen damit nichts zu tun haben. Andere sehen es als Möglichkeit, ihren Ärger loszuwerden. Diese Art von unerwarteter Energie, von Situationen, die ein bisschen explodieren und sich dann wieder beruhigen, in denen anscheinend alles im Gleichgewicht ist, bis das Gleichgewicht sich verschiebt, benutze ich viel für die Struktur auf der Bühne. Sowohl im Bühnenbild als auch in der Art, wie die Figuren sich verhalten.

I think the basic starting place is the energy that people feel in themselves personally. So it’s more responding to the environment that Falk is describing. Like I mentioned before there is this hyper-alertness. You are not necessarily safe in places where you used to feel safe. What is happening to you when that occurs? How does this affect how you respond to your environment? In the movement, I’ve really looked into the action how people together form groups on one hand but on the other hand are always isolated and insular in dealing with how they relate themselves to these topics. You know when you sit at home you see on the internet the kind of hate that people are vomiting out all the time. How do you relate yourself to it? A lot of people don’t want to be associated with that. Whereas other people might feel it is an excuse to get their anger out. So that kind of unexpected energy, of things explode a little bit and then calm down. Seemingly things are in balance and then the balance shifts. Those are things I’m using structurally on stage a lot. Both in like how the set is being build and in how do people behave.

Falk Richter: Es gibt bei der Arbeit, die wir zusammen machen, zum einen die intellektuelle Auseinandersetzung mit bestimmten Themen und Inhalten, aber es gibt vor allem auch die Frage, was das für den Einzelnen bedeutet, wie er sich verhält, welchen Unsicherheiten er ausgesetzt ist. Und über den Tanz kommen letztlich auch Zustände und Bilder rein, die sich eher mit der Frage des Individuums heute, hier und jetzt beschäftigen. Die Frage, wie einzelne Menschen, die sich bislang noch nicht in irgendeine Richtung radikalisiert haben, mit dem Prozess umgehen, dass sich um sie herum die Dinge mehr und mehr zuspitzen, sich radikalisieren, verschieben. Gelassen, ängstlich, angestrengt, gestresst, panisch? Entsteht ein Widerstand?

In euren früheren Arbeiten wie »TRUST« oder »Rausch« ging es viel um emotionale Beziehungen aber auch darum, wie sich solche Beziehungen in größeren Strukturen widerspiegeln. Also auch um den Einzelnen im Verhältnis zur Gruppe. Welche Rolle spielen solche Beziehungen in »SAFE PLACES«?

Anouk van Dijk: Ich glaube, sie sind sehr präsent.

It’s pretty strong I think. It is very much there.

Falk Richter: Physisch.

Anouk van Dijk: Ich glaube, die meisten Menschen fühlen die gleiche Energie und die gleiche Angst, nehmen aber in einer bestimmten Situation sehr unterschiedliche Standpunkte ein. Das ist auch am Ende das Problem mit dem ganzen politischen Diskurs: Jeder spricht für sich selbst und darin gleichen sich alle. Damit spielen wir in der Choreographie und der Struktur des Stückes.

I think most people feel the same energy and the same anxiety however their viewpoints are very different in the situation. And that’s the problem with the whole political discourse as well that in the end everybody is speaking for their rights and in that everybody is very similar. I think we are playing with that choreographically and in the structure of the play.

Falk Richter: Es geht aber nicht mehr so sehr um Beziehungen im klassischen Sinn. Das erkläre ich mir selbst damit, dass ich auf das reagiere, was gerade passiert in der Realität, und ich habe das Gefühl, dass die Beziehungsfragen oder die Frage, wie geht es mir in meiner Beziehung, momentan untergeordnet sind, weil es größere Themen gibt. Das könnten im Übrigen auch Themen sein, an denen die Menschen wachsen. Gerade die, die sich ein bisschen leer und einsam fühlen, könnten, ganz banal gesagt, durch persönliches Engagement wachsen. Sich für eine Sache, für Menschen zu engagieren, kann dem Leben auch einen Sinn geben und Halt.

Anouk van Dijk: Ich frage mich auch, wie viel von dem, was wir erleben, wir virtuell erleben. Hat sich das verändert? Und ist das die Sache, worüber wir uns wirklich Sorgen machen sollten? Dass es eine große Kluft gibt zwischen einer virtuellen Realität, einer virtuellen Art uns auszudrücken und unserer tatsächlichen Alltagswelt und dem physischen Kontakt. Gibt es noch physische Begegnungen? Körperlichkeit, zwischenmenschlicher Kontakt und die Berührung einer anderen Person sind im Tanz wesentliche Kommunikationsmittel. In seinen unendlichen Nuancen erinnert uns der Tanz daran, wie erstaunlich es ist, Mensch zu sein. Vieles lässt sich darüber kommunizieren, wie nah bei oder wie weit entfernt von einer Person ich bin – damit agiert auch die Gesellschaft. So I think … yeah … let’s keep dancing.

And then how much of our reality are we actually now living virtually? Has that shifted? And is that the thing that we have to be really concerned about? That there is a big divide between a virtual reality, an online reality, an online way of expressing yourself and the actual situation of day to day life and physical contact. Physical Encounters, do they still happen? In dance, physicality, human contact and the touch of another person are intrinsic values in communication. In its endless nuances, it reminds us of how amazing it is to be human. A lot can be communicated by how close or far away you are from another person. Society all deals with those matters, too. So I think … yeah … let’s keep dancing.


 

»SAFE PLACES«

Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Heiner Müller

 

Grenzgänge zwischen Schauspiel und Tanz: Der Autor Falk Richter (»Zwei Uhr nachts«, 2015) entwickelt gemeinsam mit der niederländischen Choreographin Anouk van Dijk auf seinen eigenen Texten basierende Theaterprojekte mit einem international gemischten Tanz- und Schauspielensemble. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Krisen treffen in »SAFE PLACES« persönliche Geschichten auf gesellschaftliche Themen, werden private sowie politische Strategien im Umgang mit den Herausforderungen einer offenen Gesellschaft in Europa untersucht. Europa ist in vielerlei Hinsicht ein Hybrid: ein spannungsgeladenes Gemisch aus Widersprüchlichem. Wie wird das gelebt? Wie reagieren wir auf Ausbrüche von Fremdenfeindlichkeit und nationalistischer Selbstbehauptung? Ist die Suche nach einer gemeinsamen europäischen kulturellen Identität die richtige Antwort oder eine Falle, die die Frage nach Grenzziehungen nur verschiebt? Wohin steuern wir mit Europa und welche Lebensbedingungen schaffen wir uns?

Premiere am 8. Oktober im Schauspielhaus

Text und Regie Falk Richter Regie und Choreographie Anouk van Dijk Bühne Katrin Hoffmann Kostüme Daniela Selig Musik Malte Beckenbach Dramaturgie Sibylle Baschung

Mit Constanze Becker, Paula Hans, Tímea Kinga Maday, Nina Wollny, Yen-Fang Yu, Joel Bray, Luca Cacitti, Nico Holonics, Shay Partush, Christopher Tandy, Marc Oliver Schulze

Gefördert im Rahmen von »Schauspiel Frankfurt International« von der

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1 Kommentar

  1. J. Steinmetz

    Ich fand, ein Satz fehlte im Stück:
    „Gute Nacht Europa, wo immer Du auch bist.“
    Ich habe in just denjenigen Ländern, die als Herkunftsländer
    von uns tituliert werden, so viel Freundlichkeit,
    Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft erlebt.
    Wie kann man da Angst haben?

    gt;

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