Beleuchtungsmeister Johan Delaere und der tageslichtfreie Raum

Im Gespräch mit Johan Delaere, dem Beleuchtungsmeister des Schauspiel Frankfurt, erschließt sich ein immaterielles Inszenierungselement, das selten bewusst wahrgenommen wird: Das Bühnenlicht. Johans Fundus aus 40 Jahren Bühnenerfahrung beinhaltet eine lange Reise zu den Bühnen dieser Welt und eine kleine Technik-Geschichte:

Beleuchtungsmeister Johan Delaere

Beleuchtungsmeister Johan Delaere

learning by doing

»Damals, in den 70er Jahren, war Elektronik die Zukunft!« Also machte Johan Delaere seinem Vater zuliebe zunächst sein Diplom als Elektro-Ingenieur, übte diesen Beruf jedoch nie aus – das Bühnenfieber hatte ihn bereits gepackt. Zusammen mit seinen Freunden begann der gebürtige Belgier in einem jungen Club zu arbeiten, bei kleinen Veranstaltungen für Musik, Tanz und Film: »Ich habe damals elektronische Geräte gebastelt, die flackerten – in den 70er Jahren musste es flackern, es gab viele Farben und es musste einfach toll aussehen.« Bücher lesen, Stücke gucken, Weiterbildungen besuchen – aus einem anfangs amateurhaft betriebenen Interesse kamen mit wachsendem technischen Wissen und Erfahrung Anfragen von Theatern und er begann, als Lichttechniker und -gestalter, wenig später als Technischer Direktor und Beleuchtungsmeister mit Künstlern aus der ganzen Welt zu arbeiten: »Sie kamen auf Gastspielreise zu uns. Gelernt habe ich dann vor allem über die Praxis, beim Reden mit den Kollegen und dem Beobachten ihrer Arbeit. Wie verläuft ein Schatten? Was passiert, wenn man Farben ergänzt? Meine erste, eigenständige Lichtgestaltung war dann 1977 für ›Home‹ von David Storey, produziert von Michael Nash.« 1979 gründete Delaere zusammen mit Freunden in Kortrijk das »Limelight«, ein Experimental-Theater für Musik, Theater, Tanz und Film. Als Produktionsmanager, Lichtgestalter, Technischer Direktor und Beleuchtungsmeister arbeitete er seitdem an unzähligen Inszenierungen (es sind weit über 100) und internationalen Bühnen. Von 1987 bis 2001 war er Technischer Tournee-Manager und Beleuchtungsdirektor für das Tanztheater Wuppertal unter der Leitung von Pina Bausch, mit der er rund um die Welt tourte. Nach Zwischenstopps am Schauspiel Wuppertal und Köln und Arbeiten als freischaffender Lichtgestalter – unter anderem in der Opéra National de Paris – holte ihn Oliver Reese 2009 ans Schauspiel Frankfurt, wo er seither die Beleuchtungsabteilung leitet. In dieser Spielzeit machte er das Licht für »Penthesilea«, »Schuld und Sühne« und viele weitere Stücke und Gastspiele. In der Spielzeit 2016/17 wird er unter anderem den »Prinz Friedrich von Homburg« einrichten.

Beleuchtungsprobe zu »Penthesilea«:

Es sind dabei stets dieselben ersten Fragen, die sich Johan Delaere bei der Konzeption stellt:

Wie ist das Bühnenbild? Ist es ein geschlossener Kasten? Welches Licht ist möglich? In welchem Winkel? Muss ich Lampen einbauen? Abstrakt oder klassisch? Nacht oder Tag? Farbe oder keine?

»Das Stück hat man gelesen oder bereits woanders gesehen. Man weiß also, worum es geht. Aber die erste Frage ist immer: Was ist möglich?« Nach dem Begutachten des Bühnenbild-Modells folgt die Bauprobe, bei der man Dinge ausprobiert. Mit der ersten Bühnenprobe beginnt die eigentliche Arbeit bei Gesprächen mit dem Regisseur und dem Bühnenbildner. Dann hat man noch etwa drei Wochen bis zur Premiere. Die Faktoren der Bühnenbeleuchtung sind dabei vielfältig: Streuung/Bündelung, Helligkeit, Farbe, Form, Bewegung. Weitere Parameter sind Leuchtrichtung, Achse, Intensität, Farb-Filter, Lichtschablonen, Leuchtmittel. Allein die zahlreichen Arten von Lampen deuten die vielseitigen Möglichkeiten an: Profil-, Parabolspiegel oder Flächen-Scheinwerfer (Fluter), Quecksilberdampflampen, Leuchtstoffröhren, UV-Lampen (Schwarzlicht), Leuchtdioden uvm. Darüber hinaus ist der Gegenstand der Inszenierung zu berücksichtigen. So ist das Licht beim Tanz oft atmosphärisch, meist ohne eine chronologische Ordnung, merkt er im Vergleich zum Theater an: »Im Theater ist es eine andere Licht-Dramaturgie, man hat eher ein offenes Licht, einen Fluss zum Beispiel von warm nach kalt. Diesen klassischen Verlauf kann man natürlich auch brechen, wie wir es bei ›Virginia Woolf‹ gemacht haben. Dort war der Anfang der Inszenierung kalt, wo er gewöhnlich warm ist. Der Mittelteil des Abends war stattdessen warm. Man kann mit diesen Licht-Arten spielen um die gewünschte Atmosphäre zu erzeugen.«

So entstehen in der Zusammenarbeit mit wechselnden Regisseuren vielseitige Arbeiten, die in Bewegung, Intensität und Form variieren. Er selbst unterscheidet zwischen drei Typen von Regisseuren und ihrem jeweiligen Umgang mit dem Licht: »Es gibt Regisseure, die selbst alles sehr genau planen. Ich muss es dann technisch umsetzen und kann Vorschläge machen. Dann gibt es Regisseure, die einen ganz frei arbeiten lassen. Und dann hat man Regisseure, die man über die Jahre kennengelernt hat und wo man genau weiß, wie man es machen muss. So ist es beispielsweise bei Michael Thalheimers Inszenierungen.« Mit dem Bühnenbildner Olaf Altmann und Thalheimer verbindet ihn eine fast zehnjährige Zusammenarbeit: »Wir verstanden uns sofort und begannen, alles was wir nicht brauchen wegzulassen. Das heißt: So wenige Scheinwerfer wie möglich und so einfach wie möglich. Eine Licht-Richtung, maximal zwei.« Gemeinsam verfeinerten sie ihr Lichtkonzept über die Jahre – ihre jüngste Zusammenarbeit war bei der Inszenierung von Kleists »Penthesilea«. Eine verdichtete Erzählung, reduziert auf drei Schauspieler und starke Kontraste, wenige Lichtkegel und Spots, die auf die vorwiegend dunkle Bühne fallen. So wird das Licht zum wesentlichen Element der Inszenierung: »Die ›Penthesilea‹ folgt einem gewissen Aufbau Thalheimers – die Aktion ist reduziert, es werden starke Bilder in den Köpfen der Zuschauer erzeugt. In der Art und Weise, wie er Geschichten erzählt, in der Klarheit, auch der des Bühnenbildes und des Lichts, geht es darum, wie tief man den Zuschauer erreichen kann. Und das ist nach meiner Meinung, nur mit dieser Direktheit zu schaffen.«

Von der Öl-Lampe zum LED

Von der Öl- über die Gaslampe bis hin zum LED besitzt die Beleuchtung des tageslichtfreien Raums eine lange Entwicklungsgeschichte. Der kontinuierliche technische Fortschritt brachte komplexe Steuerungstechniken für Scheinwerfer, die Stellwerke (Lichtmischpulte) wurden computerisiert: »Die Technik hat sich unglaublich geändert! Anfang der Siebziger war man glücklich mit einem Scheinwerfer von tausend Watt – auf der großen Bühne nutzen wir solche heute gar nicht mehr. Früher musste man Farben und Intensität noch manuell regulieren. Und jetzt gibt es die Leuchtdiode, kurz LED! Die Entwicklung ist unglaublich.« Lichtfolgen werden heute gespeichert und automatisch wiedergegeben. Zudem hat man ›Moving Lights‹, die im Stellwerk mechanisch bewegt werden: Nach links, nach rechts, nach oben, nach unten, groß, klein, Farben – die Befehle und Bewegungen werden festgelegt, abgespeichert und bei der jeweiligen Vorstellung vom Computer abgerufen. Trotzdem bedarf es weiterhin einer ständigen Kontrolle und Anpassungen. Neben der technischen Arbeit auf der Bühne ist Johan Delaere auch für die Verwaltung der Beleuchtungsabteilung zuständig, deren Mitarbeiter er koordiniert: »Wir haben sehr gute Leute hier. Frank Kraus, der Belechtungsinspektor, und die vier Beleuchtungsmeister Stephan Doehler, Ellen Jaeger, Johannes Richter und Jan Walther. Jeweils kümmern sie sich um den Vorstellungsbetrieb indem sie das Licht einrichten und die Vorstellung am Abend beleuchten. Zudem sind sie für die Verwaltung, für Videos, die Auszubildenden und vieles mehr zuständig. Wir sind ein sehr gut ausgestattetes Theater und ich habe eine wahnsinnig gute Abteilung!«

Mit Begeisterung erzählt Johan Delaere im Laufe des Gesprächs von seinen Aufgaben, Erfahrungen und kommenden Projekten. Aber die Anerkennung sei in anderen Ländern größer. Freischaffende Lichtgestalter können dort besser davon leben, sagt er im Blick auf seinen Berufsstand. In den letzten Jahren habe er bisher nur mit zwei Lichtdesignern zusammengearbeitet. Dennoch ist seine Begeisterung für die Bühne nach all den Jahren ungetrübt. Auch privat sieht er sich noch immer Stücke in verschiedenen Theatern an und bemerkt lächelnd: »Bei anderen Inszenierungen kann ich loslassen.«

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