»Ich möchte dem Publikum nichts vormachen, sondern etwas erlebbar machen.« Regisseur Daniel Foerster im Porträt

Katharina Bach Alexej Lochmann Verena Bukal

Fräulein Julie / Katharina Bach, Alexej Lochmann, Verena Bukal © Birgit Hupfeld

Daniel Foerster ist Mitglied des REGIEstudios. Nach »Fräulein Julie« widmet er sich zum zweiten Mal in dieser Spielzeit Strindbergs psychologischen Beziehungsanalysen und inszeniert den »Totentanz«. Premiere ist am 17. Juni. Astrid Biesemeier hat den Nachwuchsregisseur getroffen und portraitiert.

 

»An der Arbeit des Regisseurs interessiert mich, dass ich meine Weltbeobachtung auf die Bühne bringen kann. Ich maße mir also gewissermaßen an, dass andere Leute sich dafür interessieren könnten.« Wenn der Regisseur Daniel Foerster über seine Art des Inszenierens dann hinzufügt, »ich möchte dem Publikum aber nichts vormachen, sondern etwas erlebbar machen«, kann man dieses »nichts vormachen« auch im doppelten Sinn verstehen. Denn der 1986 in Göttingen geborene Regisseur will dem Publikum nicht nur keine Bühnenwirklichkeit vorgaukeln. Auch dass das Theater die Welt verändern könne, will er nicht vortäuschen. Daran glaubt er schließlich selbst nicht.

Dabei hat das Theater sein Leben durchaus verändert: Unter anderem wurde sein Borkman nach Henrik Ibsen zum Wettbewerb Körber Studio Junge Regie 2014 am Thalia Theater Hamburg eingeladen. Im selben Jahr erhielt er für sein Stück Tanzen! Tanzen! den Nachwuchspreis des Heidelberger Stückemarktes. 2015 inszenierte er Clockwork Orange nach Anthony Burgess als Kooperationsprojekt mit dem Schauspiel Stuttgart in dessen Spielstätte Nord. Im Dezember 2015 folgte Fräulein Julie im Rahmen der Reihe REGIEstudio am Schauspiel Frankfurt, eine Inszenierung, die Anfang 2016 zum renommierten Festival radikal jung eingeladen wurde, im März 2016 die Uraufführung von Alexander Eisenachs Der goldene Fleiß, ebenfalls am Schauspiel Frankfurt und nun Totentanz von August Strindberg. Über so renommierte Preise, Festival-Einladungen oder Häuser als Inszenierungsstätten dürfen sich längst nicht alle jungen Regisseure freuen.

Daniel Foerster

Daniel Foerster © Birgit Hupfeld

Doch trotz dieser Erfolge bleibt Foerster im Hinblick auf seine Möglichkeiten, mit dem Theater die Welt zu verändern, bescheiden. Vielleicht sogar demütig. Wie Luk Perceval versteht er das Theater als ritualisierte Sinnsuche, und Theatermachen als Schreiben im Sand. Doch wenn schon die Suche nach Sinn im Sinnlosen einer Art Sisyphusarbeit gleichkommt, dann können zumindest das dabei geteilte Weinen und Lachen ein gemeinsames Erlebnis schaffen. Dass das Theater »ein im Jetzt zwischen Menschen geteiltes Erlebnis ist«, mag Foerster. Und er fährt fort: »Daher macht mich diese Form, also das Theater, noch mehr an als das Schreiben, obwohl ich auch sehr gerne schreibe. Und es macht mich auch mehr an als eine theoretische Abhandlung zu einem Thema. Ich mag die Sinnlichkeit, mit der im Theater etwas transportiert wird.«

Um diese Sinnlichkeit als geteiltes Erlebnis erfahrbar zu machen, reißt Foerster u. a. in seinen Inszenierungen die vierte Wand ein, indem er seine Schauspieler immer wieder kurz aus der Rolle treten lässt. Es geht ihm dabei nicht um einen Illusionsbruch im Sinne des brechtschen V-Effekts oder um Distanznahme zu scheinbar überholten Theaterformen oder gar Stücke-Zertrümmerung. Er öffnet damit vielmehr den Theaterraum zum Publikum hin, um den Ritualcharakter erlebbar zu machen. »Das Aus-der-Rolle-Treten soll kein Effekt sein. Für mich hat das mehr mit der gemeinsam geteilten Situation von Bühne und Schauspielern einerseits sowie dem Publikum andererseits zu tun. Das Theater hat seine Ursprünge im Ritual. Und auch beim Ritual teilen Menschen etwas Gemeinsames.«

Die Dramentexte sind für den Regisseur keine bloßen Text-Steinbrüche, aus dem er sich nach Belieben heraushämmern kann, was ihm passt. Foerster geht es nicht darum, der Mehrdeutigkeit eines Dramenstoffs eigene Regieeinfälle überzustülpen. Aber dass ein Schauspieler sich an einer Figur abarbeitet, das darf man schon sehen – auch und gerade im Sinne der geteilten Erfahrung. »Und zu diesem Abarbeiten an einer Figur gehört auch eine gewisse Distanz.«

So wie das Heraustreten der Schauspieler aus ihrer Rolle bilden auch die leeren Bühnenräume eine inszenatorische Konstante. Weit davon entfernt, eine rein äußerliche Situation bloß zu illustrieren, verdichtet sich in den überwiegend leeren Räumen vielmehr ein Thema. »Es geht mir nicht darum, dass man nur ein Bild auf die Bühne bringt oder eine Art Kulisse. Das Bühnenbild soll Inszenierungen, Schauspielern und auch den Zuschauern helfen, ein entscheidendes Thema des Stücks anders wahrzunehmen, fühlbar zu machen oder von einer anderen Seite zu beleuchten.«

Realistische oder gar naturalistische Räume mag Foerster nicht. Die Bühne soll dem Text etwas entgegensetzen. Nicht, um den Text zu zerstören. »Es soll eine Reibung entstehen zwischen der in das Stück eingeschriebenen Situation und dem, was man eigentlich sieht. Diese Reibung hat für mich viel mit der Emotionalität zu tun, die ich im Text lese. Ich suche nach dem emotionalen Kern des Textes, also den Punkt, an dem es anfängt weh zu tun.« Gerade weil Foerster assoziativer mit Dramentexten umgeht, sucht er mit seinen Schauspielern nach Bildern für das, was die Figuren eigentlich bewegt und wollen, und macht so die verborgenen Gemüts- und Seinszustände der Figuren erlebbar.

Bei Fräulein Julie erkundete Foerster das leidenschaftliche Kennenlernen zweier Menschen. Nun steht mit Totentanz wieder ein Strindberg auf dem Plan. Diesmal geht es nicht um die Abgründe, die unter ersten Begegnungen lauern, sondern um die, die in einer langjährigen Ehe schlummern.

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