»Ich will eine Wirklichkeit auf der Bühne, die meine Wirklichkeit widerspiegelt«

Sasha Marianna Salzmann © Stefan Loeber

»Ich, ein Anfang« heißt das neue Stück von Sasha Marianna Salzmann über eine Gruppe junger Menschen verschiedener Herkunft, Sexualität und Psychologie. Das Auftragswerk für das Schauspiel Frankfurt ist im Rahmen der Frankfurter Positionen entstanden, die die Verfassung des Subjekts im digitalen Zeitalter beleuchten, und wird am 10. Februar in den Kammerspielen uraufgeführt. Ein Gespräch mit Sasha Marianna Salzmann über die Performanz von Authentizität und das Gefühl des Gemeint-Seins im Theater.

Beim Zusammentreffen von »Ich« und digitaler Welt stellt sich in deinem Stück die Frage nach Authentizität. Gibt es Authentizität in der digitalen Kommunikation beziehungsweise wie verändert sich Authentizität im digitalen Raum?

Ich bin skeptisch bei dem Begriff Authentizität, weil er eine allgemeingültige Wahrheit impliziert, die abrufbar ist. Schwierige Vorstellung. Wann bin ich authentisch? Wenn ich vorgegebene Attribute wähle, die mein Gegenüber lesen kann, und es bestimmt dann über meinen Authentizitäts-Faktor. Das übergriffige Moment darin ist, dass wenn ich nicht dem bekannten, lesbaren Bild entspreche, entsprechen will oder kann, ich als Widerspruch gelesen werde. Ich bin entmachtet, weil ich nicht agiere, sondern gezwungen bin zu reagieren. Es gibt Menschen, die beispielsweise aufgrund ihrer Physiognomie so sehr mit Zuschreibungen konfrontiert werden, dass sie kaum noch selbst bestimmen können, wer sie sind und wie sie leben wollen. Im digitalen Raum können wir uns Selbstbilder aneignen, mit Erwartungen spielen und Entwürfe von uns weiterentwickeln. Hierbei geht es allerdings nicht um ein authentisches Auftreten, sondern um das Freilegen der tausend Möglichkeiten eines Ichs, das ich sein könnte.

Ist das Internet also ein Spielfeld, auf dem wir uns freier entwerfen können als in der face- to- face- Kommunikation, oder hat der digitale Selbstentwurf Grenzen?

Die Grenzen des Spiels bestehen bereits in unserem Kopf. Noch bevor wir den Körper tatsächlich für eine Projektion unseres Geschlechts, unserer ethnischen Herkunft etc. zur Verfügung stellen, haben wir bestimmte Vorstellungen von Identitätslabels, die wir unterlaufen oder bedienen wollen. Wenn ich beispielsweise ein alternatives Frauenbild entwerfen will, dann ist es immer noch eine Alternative zu einem bestehenden Bild, das als Norm gelesen wird. Es gibt immer eine Hierarchie der Lebensentwürfe.

Auch im Theater, wo das Spielen von »Identitäten« essentiell ist, wird vehement über Authentizität diskutiert, Stichwort black facing.

Ich verstehe auch nicht warum Frauen immer Frauenrollen und Männer immer Männerrollen spielen müssen. Du? Weil es unserer Sehgewohnheit entspricht wahrscheinlich. Sonst wird es als Wagnis oder Provokation wahrgenommen. Dabei ist gerade das Theater der Ort, an dem die Verabredung herrscht, dass alles gespielt ist. Hier greift wieder die Forderung nach Authentischem: Was soll authentisches Spiel sein und authentisch für wen? Wer kommt in diesen Sehgewohnheiten als »authentischer« Retter vor und wer marginal? Wer muss in engen Kleidern und Stöckelschuhen auf der Bühne leiden und wer breitbeinig den Dealer spielen? Als müsste ein Gretchen, das von einer schwarzen Schauspielerin gespielt wird, ein Symbolträger sein für etwas anderes als ein weißes Gretchen. Die Debatte um Authentizität hat sich in eine bestimmte Richtung entwickelt und ist voll von, zum Teil gewollten, Missverständnissen. Nehmen wir das Maxim Gorki Theater Berlin. Nach wie vor hält sich die Ansicht, dass es sich beim Gorki um ein Theater der Migrant*innen handelt. Warum? Weil, wenn man auf die Internetseite des Gorkis geht, das Ensemble so divers ist, wie in keinem anderen deutschsprachigen Theater. Die weißen deutschen Akteur*innen werden ausgeblendet. Es ist so »ungewöhnlich«, dass Menschen glauben, da würden Migrant*innen etwas machen – und zwar ihre persönlichen Geschichten erzählen. Und das sei dann authentisch.

Ich persönlich will keine Authentizität auf Theaterbühnen, ich weiß nicht, was das sein soll. Aber ich will eine Wirklichkeit auf der Bühne, die meine Wirklichkeit in meinem Alltag widerspiegelt. Und ich will nicht, dass das Theater ein Ort des Ausschlusses ist. Theater ist per definitionem ein demokratischer Ort, der muss alle meinen. »Kommt zu uns, wir erzählen euch Geschichten über euch«, lautet das Versprechen des Theaters an sein Publikum. Die Mehrheit der Bevölkerung geht nicht ins Theater, weil sie sich nicht gemeint fühlt. Oder mit Blackfacing beleidigt wird oder mit sexistischen Rollenbildern oder, oder, oder.

Der linken Elite wird gerade vorgeworfen, sie habe zu lange Politik für Minderheiten gemacht und darüber die soziale Frage vergessen. Deine Figuren sind homosexuell, jüdisch, POC usw. Warum ist es wichtig, sich mit diesen Themen zu beschäftigen?

Ich beschäftige mich ja nicht damit, ich zeige eine Welt, wie ich sie sehe, alles andere ist doch bewusstes Nichtsehenwollen. Ich bin wütend, aber nicht überrascht, dass es den Vorwurf gibt, Minderheiten seien daran schuld, dass man jetzt verstärkt rechts wählt. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ich vermute, diese Kritik stammt von denen, die zum ersten Mal physisch erleben, dass sie nicht das Zentrum der Welt sind, dass ihre Sicht auf die Welt keine universelle ist. Das macht ihnen anscheinend Angst. Es war für sie bisher selbstverständlich, sich als Norm zu denken. Sie dachten, sie seien Vertreter*innen einer Mehrheit und Mehrheit sei äquivalent zu richtigem Leben oder wie auch immer diese Rechnung gehen mag. Wir wissen aber, dass es keine Mehrheiten gibt. Wir sind alle nur Minderheiten. Wir sind alle Konglomerate von ganz Unterschiedlichem. Komplexe, vielschichtige Wesen. Dass das für manche eine Überforderung darstellt, ist erstmal zur Kenntnis zu nehmen, aber es sind doch nicht die Errungenschaften demokratischer Prozesse zurückzunehmen, weil es irgendwen überfordert. Die Rücknahme von Erkämpftem wäre eine Totalkapitulation. Glaubt jemand wirklich allen Ernstes, dass wir den Rechtsruck in Europa dadurch aufhalten, dass wir Homosexuellen wieder ihre Menschenrechte absprechen?

Also keine Rücksichtnahme auf den »kleinen Mann« mit seiner »legitimen« Angst?

Der kleine Mann ist ein Konstrukt. Bitte, wer soll das sein? Pegida? Ist Pegida unser Problem oder dass wir nicht wissen, wen wir dieses Jahr wählen gehen sollen? Was ist mit den »großen Männern«, die die AfD rechts überholen wollen, das sind doch die, über die man sich wundern muss. Pegida ist keine Überraschung, mich überrascht, dass unsere intellektuelle Elite den Rechtswählenden keine Argumente entgegenbringen kann in öffentlichen Debatten. Bei den »kleinen Männern« gibt es genug, die in Geflüchteten-Heimen aushelfen. Aber was ist mit denen, die offensichtlich ausreichend Zugang zu Bildung und ökonomischen Ressourcen gehabt haben und Deutschland momentan durch die Parteien hinweg nach rechts treiben? Was ist ihre Entschuldigung? »Legitime Angst des Bürgers«? Die ist gemacht, so wie Ängste immer gemacht sind. Es ist eine bewusste Entscheidung, ob die Schlagzeile auf Seite eins der Tageszeitung ist: »Syrische Flüchtlinge zünden Obdachlosen in der U-Bahn an« oder: »Die Anzahl der kriminellen Übergriffe in Berliner U-Bahnen ist seit 2012 um 50% gesunken«. Ängste werden gemacht. Und damit Realitäten geschaffen.

Als »Bluescreen Flackern« beschreibt deine Figur Sellal den Einbruch ihrer traumatischen Erinnerung in die Wirklichkeit. Neben der Frage nach Authentizität im digitalen Raum untersucht dein Stück auch, wie Gewaltakte das, was wir Identität nennen, destabilisieren.

Das ist ein wichtiger Punkt unserer Suche im Stück. Ich habe mich dem Thema »Verfassung des Subjekts« durch Recherche zu Gedächtnis und Erinnerung angenähert. Ich dachte, verkürzt gesagt: alles, was ich darüber glaube, wer ich bin, sind Geschichten über mich, die ich mir selbst erzähle. Oder andere, beispielsweise meine Eltern, erzählen sie mir über mich und ich nehme sie an. Bei der Recherche zum Gedächtnis stieß ich aber sehr schnell auf die Untersuchungen, die nachweisen, dass Erinnerung kein Film ist, den ich abspule, sondern eine Information, die ich immer wieder überschreibe. Was heißt das für meine Identität? Wie beeinflussbar bin ich darin durch meine Tageskonstitution, durch meine unmittelbare Umgebung, in der ich die Erinnerung hochhole? Ich stieß auf Gerichtsurteile, die auf Zeugenaussagen basierten, und darum falsch waren, auf psychologische Untersuchungen, die nachwiesen, dass man ein menschliches Gehirn einfach alles glauben lassen kann durch minimale Manipulationen in der Sprachwahl. Der neuimplantierte Gedanke wird abgespeichert und weitergesponnen und kann nicht mehr ausgelöscht werden aus der Wahrnehmung des Individuums von seiner Wahrheit. Meine weitere Nachforschung ging in die Richtung von Traumaverarbeitung und dem Umschreiben von schmerzhafter Erinnerung. Es gibt Menschen, die haben in der frühesten Kindheit eine existenzielle Verstörung erlebt und haben von da an nichts, worauf sie eine stabile Identität aufbauen können. »Ich weiß, dass mich niemals jemand retten kommt« ist ein zentraler Satz im Stück. Zwei meiner Figuren, Efraim und Re, sind tatsächlich so traumatisiert, dass sie alles für möglich halten, weil sie kein Gerüst aufbauen konnten, an dem sie sich festhalten in kritischen Situationen. Sellal ist da anders, sie ist auf einem festen emotionalen Boden großgeworden, erlebt dann im erwachsenen Alter einen Anschlag und diese physische Erfahrung zieht sich wie ein Riss durch ihr Sicherheitsempfinden. Mit diesen verschiedenen Formen von Verstörung gehen wir in dem Stück um.


Sasha Marianna Salzmann

ist eine international vielfach gespielte und ausgezeichnete Dramatikerin, Essayistin und Kuratorin. Sie ist Mitbegründerin von Plattformen wie dem Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext und dem performativen Experimentierraum STUDIO Я. Zusammen mit Maxi Obexer gründete sie 2015 das Neue Institut für Dramatisches Schreiben, an dem sie politisches Schreiben unterrichtet. Das Theatermagazin Die Deutsche Bühne wählte Salzmann dieses Jahr zum Kopf der Saison (»die deutschsprachige Theaterautorin der Stunde«). Im September 2017 erscheint Salzmanns Debütroman im Suhrkamp Verlag.

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