Thementage: Für kulturelle Hegemonie bewegen wir uns zu schnell durch den Raum – ein Gastbeitrag von Luna Ali

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© Frederik Buchholz

»In welchem Europa wollen wir leben?« fragen die Thementage »Erfindung Europa« vom 10. bis 12. Februar. Doch diese Frage lässt sich kaum beantworten, ohne zunächst den Status quo in den Blick zu nehmen. Wie lebt es sich also gerade in Europa – und wie lebt es sich hier, wenn man sich biografisch auch außerhalb verortet?

Eine Frage, die sich einerseits erübrigt, da man irgendwann anfängt, hier zu leben, zu lernen, zu studieren, zu lieben usw., meint die in Syrien geborene Autorin Luna Ali. Auf der anderen Seite gibt es die politische Dimension, die sich nicht erübrigen kann. Für ihren letzten Essay interviewte Luna Ali syrische Autor*innen in Beirut zum Einfluss der eigenen Biografie auf das Schreiben. Über ihre letzten Tage in dieser Stadt und über die eigene Verortung in Europa ist folgender Gastbeitrag entstanden.

Zur Frage, Wie es sich gerade in Europa lebt, wenn man sich biografisch auch ausserhalb verortet. Ein Zitate-Orchester beginnend mit: »Ich fürchte mich, Sasportas, vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein.«

Wir sitzen auf dem Balkon. Sie sagt, die Herzlichkeit hier, das ist, was ich in Deutschland vermisse. Dieses lebendige, intensive Durcheinander. Und ich denke, ja, wenn ein Syrer vor einem libanesischen Soldaten steht, ist die Begrüßung sicher ganz herzlich, und ich muss an Daoud denken, der seine Texte versteckt, der sich hinter der Fassade eines Hausmeisters versteckt, der sich an jedes Detail der letzten fünf Jahre erinnern kann, und ich denke daran, wie er sie mir erzählt hat und dabei nur seine Angst Punkt und Komma setzte, weil er aufstand, um hinter die Gardine zu blicken oder um zu sehen, ob die Tür auch wirklich zu sei oder ob da jemand hinter der Tür stünde, ob jemand im Bad sei. Er habe es so noch niemandem erzählt und es tue ihm leid, mir seine Geschichte aufzubürden, er sähe es ja an meinen Augen, es tue ihm leid. Ich zucke mit den Schultern, jeder mache sich auf seine Art schuldig.

Ich gehe runter auf die Straße, laufe sie ein wenig ab, komme zum Stehen, hinter mir wieder so ein entstelltes Gebäude. Ich halte eines dieser zahllosen Service an und steige ein. »Die Araber sind wie eine unentdeckte Erdölreserve. Wenn wir hier erstmal Ordnung geschafft haben, dann blüht das auf. Dann kommen alle aus dem Ausland zurück und mal sehen, vielleicht gibt es dann wirklich einen richtigen Frühling«, sagt mir der Service-Fahrer und ich frage mich, ob die Scham aus ihm spricht. Ich denke an die arabischen Orientalisten an deutschen Universitäten, die sich monatelang unter altem Papyrus und Pergament begraben und graben, um unsere Ehre zu retten, dass wir doch back then schon Mathematik betrieben, Aristoteles und Platon vor dem Vergessen retteten, während die Europäer im tiefsten Mittelalter wateten. Dass es aber nichts gibt, auf das man sich heute berufen könnte, außer die Zukunft. »Kulturpessimismus!«, wirft mir der Service-Fahrer vor. »There will come a time when everybody will know why, for what purpose, there is all this suffering, and there will be no more mysteries. But now we must live … we must work, just work!« Wir stehen am Rumi Krankenhaus. Ich gebe ihm 2000 Lira und steige aus. Neben dem Krankenhaus steht eine Kirche, die Fassade zeigt Jesus im byzantinischen Stil, golden, sein Name steht auf Arabisch – »3isa«. An Gott scheiden sich die Geister. Eine bekannte Losung sagt: Allah, Syrien, Freiheit und sonst nichts. Mein Bruder meinte, das sei keine vernünftige Forderung. Ich denke an einen Artikel von Oula Shaib Al-Din über die Macht des linguistischen Selbstmordes. Die Rede (Allah, Syrien, Bashar und sonst nichts) und die Gegenrede (Allah, Syrien, Freiheit und sonst nichts) spiegelten die Verschiebung der Macht in der Sprache wider. Die revolutionäre Sprache habe ihren Schöpfer mit einer versteckten Sprengladung bestückt, sie habe den allmächtigen Herrscher durch Freiheit ersetzt. Und Gewalt in der Sprache reflektiere nur die Gewalt in der Realität. Das Regime habe zum Volk gesprochen wie der Kolonialherr zum Kolonialisierten. Ihr braucht uns, ihr könnt nicht ohne uns, auf »The people want the fall of the regime« schallte es »The people want/need re-education« zurück. Rede – Gegenrede. »Syrien gehört uns und nicht Assad« – »Entweder Assad oder Syrien brennt«. Familien stehen sich gegenüber, die Blutsbande reißen aber noch nicht. Die letzte Schlacht hat noch nicht begonnen. Ich laufe am Büro der Kataeeb-Partei vorbei. An Ostern wurden an dieser Straße Boxen aufgestellt, aus denen Fairouz Gotteslieder sang. Eine seichte Melodie trieb mich über die Straßen. Ein Banner hängt noch am Eingang der Armenia Street: »Vor dem Kreuz und nur vor dem Kreuz knien wir«. Ich denke daran zurück, wie orientierungslos ich am Anfang durch die Straßen ging und dass von dieser Fremdheit weniger als Erinnerung geblieben ist. Ich biege in meine Straße ein. Es ist still, nicht ganz, leise hört man die Menschen sich zuprosten und mit Freunden unterhalten, Autos fahren vorbei und hupen, Gelächter. Ich steige die Treppe hoch. Ich schließe die Tür auf. Die Wohnung ist leer. Ich lege mich ins Bett und denke, wenn Assad auch Syrer ist, was heißt es dann heute Syrer zu sein?

Der Wecker geht wie immer um acht Uhr. Mein letzter Tag bricht an. Ich greife nach meinem Handy. AJ+ hat einen Emotionsporno über syrische Flüchtlinge in Idomeni gespostet. Einer sagt: »We don’t want to eat, we don’t want to drink, we don’t want anything. We just want to feel the humanity, we just want to feel that we are human beings.« Ich höre Ernst Busch in meinem Kopf singen: »Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zu Essen, bitte sehr … Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern.« Brecht sagte doch: »Erst das Fressen, dann die Moral.« Wer hat nun Recht? Der Syrer ist entrechtet in der Heimat, drum sucht er seine Rechte im Ausland. Aber wie Arendt sagte, das Menschenrecht gilt nur für den Staatsbürger. Obwohl der Staat für alle in seinem Territorium lebenden Menschen Schutz bieten müsste, tut er es auf Grund der nationalen Ideologie nicht. Der Schutzbefohlene muss um das Recht, Rechte zu haben, betteln. Sein Leid muss er verkaufen für den Preis der Anerkennung. In seinem berühmten Essay stellte Hari Ziyad die Behauptung auf: »Empathy won‘t save us«. Er verneint, weil Leid kein Narrativ werden sollte, um beim Nicht-Marginalisierten Mitleid zu wecken, und weil wir das Menschsein eines anderen auch anerkennen müssen, wenn wir keine Empathie für diese Person empfinden. Syrien wurde erst durch den flüchtenden Körper zum universalen Problem erklärt, so Yassin Haj al-Saleh. Was hat es gebracht? Es sollte eher heißen: »Verlassen wir dieses Europa, das nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Straßen, an allen Ecken der Welt! Ganze Jahrhunderte lang hat Europa nun schon den Fortschritt bei anderen Menschen aufgehalten und sie für seine Zwecke und zu seinem Ruhm unterjocht; ganze Jahrhunderte hat es im Namen seines angeblichen ›geistigen Abenteuers‹ fast die gesamte Menschheit erstickt. […] Dieses Europa, das niemals aufgehört hat, vom Menschen zu reden, niemals aufgehört hat, zu verkünden, es sei nur um den Menschen besorgt: Wir wissen heute, mit welchen Leiden die Menschheit jeden der Siege des europäischen Geistes bezahlt hat. […] Also, meine Kampfgefährten, zahlen wir Europa nicht Tribut […]«, so zitiert Sartre aus Fanons Schlussfolgerungen zu seinem Buch »Die Verdammten dieser Erde«. Aber das lässt sich einfach runterschreiben.

»We just want to feel the humanity, we just want to feel that we are human beings«, heißt nichts anderes als was mir mein Journalisten-Freund, der aus diesem Grund kein Journalist mehr ist, gesagt hat: »Da war dieses Mädchen, sie wurde entführt und ihre Eltern machten sich natürlich Sorgen. Monate später erhielten sie die Leiche eines Mädchens. Ihr Körper war mit Folterspuren übersät. Natürlich beschuldigte man das Regime. Und dann tauchte ihre Tochter im staatlichen Fernsehen auf, lebendig. Man warf sich gegenseitig Propaganda vor. Was man dabei aber ganz vergaß, war die Leiche des anderen Mädchens, eine Leiche ohne Identität.«

Nehmen wir die Losung »Ehret die Toten und wehret den Anfängen« ernst. Doch wem gedenken wir? Wer wollen wir sein? Und wen schließen wir aus der Geschichte aus? Dafür müssen wir vorher noch wissen, wer der Syrer nun ist?

Der Syrer hat ein Durchhaltevermögen, das er in den letzten fünf Jahren immer wieder und während unterschiedlicher Bedingungen und zu verschiedenen Anlässen immer und immer wieder unter Beweis gestellt hat. Wenn er etwas will, dann beißt er sich fest. Bestes Beispiel: der zivile Protest. Bestes Beispiel: Assad. Du wirst einen Syrer nicht davon abhalten können, das, was er für sein Recht hält, durchzusetzen. Egoismus könnte man ihm vorwerfen, wäre da nicht eine Familie, der er sich verpflichtet fühlt. Man werfe mir Essentialismus vor. Der Vorwurf sowie der Essentialismus haben ihre Berechtigung. Wir können nicht anders als beides für richtig und gleichzeitig falsch zu erklären. Eine Identität ohne Essentialismus hat keine Schlagkraft. Aber vielleicht ist Durchhaltevermögen auch einfach nur eine ganz menschliche Eigenschaft.

Aber war Syrien jemals jemandes Heimat, dass wir uns Syrer nennen könnten? Und wenn ja, wann und wessen? Mohammad meinte, der Syrer sei zum Weltbürger verdammt, aber wirklich Weltbürger ist nur der mit dem richtigen Pass.

Wir kommen mit den herkömmlichen Konzepten nicht weiter, ohne immer wieder festzustellen, dass sie lückenhaft sind, dass wir diese Lücken durch umständliche Konstruktionen schließen müssten, dass wir bis zu einem gewissen Grad mit diesen Lücken leben müssen, obwohl wir geglaubt haben, sie geschlossen zu haben. Und natürlich wird diese Schwäche von den Nationalisten ausgenutzt.

In Nationalismus und Moderne schreibt Ernest Gellner: »Ein Mensch braucht eine Nationalität, so wie er eine Nase und zwei Ohren haben muss; das Fehlen einer dieser beiden Attribute ist zwar nicht unvorstellbar und mag von Zeit zur Zeit vorkommen, aber nur als Ergebnis eines Unglücks: Es ist selbst eine Art Unglück. All dies erscheint offensichtlich, obwohl es leider falsch ist. Dass es jedoch so offensichtlich als wahr erscheint, ist tatsächlich ein Aspekt oder vielleicht auch der Kern des Problems des Nationalismus. Der Tatbestand, eine Nation(alität) zu besitzen, ist kein inhärentes Attribut der Menschlichkeit, aber er hat diesen Anschein erworben.« Thomas Assheuer schreibt: »Rechtes Denken ist Raumdenken.« Und es ist so wichtig diesen Satz zu verstehen und was er an Bedeutung mit sich trägt. Den Menschen an einen einzigen Raum zu binden, davon müssen wir uns lösen. »Während in der Periode zwischen 1500 und 1840 die Durchschnittsgeschwindigkeit einer Pferdekutsche und eines Segelschiffes bei etwa 10 m.p.h. (Meilen pro Stunde) lag, konnten die Dampflokomotive und Dampfschiffe in der darauffolgenden Periode von 1850 bis 1930 eine Geschwindigkeit von 65 m.p.h. bzw. 36 m.p.h. erreichen. Die moderne Periode von 1950 bis 1960 erreicht mit ihren Propellerflugzeugen eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 300 bis 400 m.p.h. In der Zeit nach 1960 weisen die Jet-Passagierflugzeuge eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 500 bis 700 m.p.h. auf.« Für kulturelle Hegemonie bewegen wir uns einfach zu schnell durch den Raum.

Verlassen wir nun den Schauplatz. Der Text ist eine Fläche mit verschiedenen Ebenen. Der Weg. Die Gedanken. Die Ereignisse. Die Verweise. Die Zeit ist nur unsere Perspektive auf die Dinge, die schon immer da waren und sein werden. Wir begegnen ihnen nur in unterschiedlicher Anordnung. Und je nach Anordnung entsteht eine andere Verknüpfung. Gehen wir davon aus, es gäbe kein Zentrum und auch keine Peripherie. Was von Bedeutung ist, wird nur durch die Anzahl der Verknüpfungen gekennzeichnet. Wer hat nun keinen Syrer im Freundeskreis?

In der Anonymität des Flughafens, wo Warten ein Zuhause findet, stehe ich da und denke meine letzten Gedanken aus. Eine Glasfassade, dahinter die lahme Maschine. Die Duty-free-Shops sind die einzigen, die leuchten, als gäbe es kein Morgen mehr.

Von Interesse ist nur, wie und wodurch sich jemand wo kulturell verortet.

Der Gott meines Großvaters war Marx. Marx schrieb einmal in einem kurzen Brief, Scham sei ein revolutionäres Empfinden. Man soll ja seinen Wurzeln treu bleiben.


Luna Ali

*1993 in Syrien / Derzeit Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig / B.A. Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim / Seit 2012 Kuratorin beim Fuchsbau Festival / Treffen junger Autoren der Berliner Festspiele 2012 / Dramenlabor In.Zukunft II unter Leitung von Maxi Obexer / »Endlich ist Theater ist endlich« im Studio Я des Berliner Maxim Gorki Theater / Berliner Hörspielfestival / Sonstiges: Google.

1 Kommentar

  1. Heinz Gerhardt

    Weltbürgerschaften, erst mal regional, EUROPA der Regionen, und dann weiter in die Asylum granting cities der USA. Auf geht’s

    gt;

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