Nichts mobilisiert mehr, als die gute Nachricht, dass Krieg beendet werden kann

Karin Leukefeld berichtet seit dem Jahr 2000 als freie Journalistin aus dem Nahen und Mittleren Osten. Beim »Festival Fluchtpunkt Frankfurt« spricht sie am 23. Oktober über ihre aktuellen Eindrücke aus Syrien. Im Interview gewährt sie einen ersten Einblick hinter die Schlagzeilen der Kriegsberichterstattung.

Sie reisen immer noch regelmäßig nach Syrien und sind erst Ende September wieder von dort zurückgekommen. Mit welchem Gefühl reisen Sie inzwischen in das Land?

Syrien ist wie mein zweites Zuhause, ich fahre gern dorthin. Ich kenne viele Menschen in verschiedenen Teilen des Landes und besuche sie, um zu erfahren, wie es ihnen ergangen ist.
So gern ich dort bin, es ist auch erschütternd, die Zerstörungen, Verletzungen, Ängste zu erleben. Aber es gibt überall auch Hilfe, Aufbruch, Wiederaufbau – die Syrer sind sehr widerstandsfähig.

Es gibt nur sehr wenige Journalisten, die uns direkte Informationen aus Syrien liefern. Umso mehr sind wir auf eine möglichst objektive Berichterstattung angewiesen. Welche Möglichkeiten der Recherche hatten Sie bei Ihrem letzten Besuch?

Ich konnte viel reisen und mit vielen, sehr verschiedenen Menschen sprechen. Ich war in Palmyra, in Qaryatayn, Homs, in den Küstengebieten, im Umland von Damaskus und zwei Mal in Aleppo. Einmal im August, als dort gekämpft wurde, einmal im September während des – leider zu kurzen – Waffenstillstandes. Da ich in Syrien seit 2010 offiziell als Journalistin akkreditiert bin, habe ich einen syrischen Presseausweis und kann mich unabhängig, d.h. ohne Begleitung des Informationsministeriums, bewegen. Seit fünf Jahren begleitet mich ein junger Mann, der früher als Touristenführer gearbeitet hat. Ich gehe nicht in die Kampfzonen und nicht dorthin, wo bewaffnete Gruppen das Sagen haben. Ich treffe Kämpfer, die die Waffen abgegeben haben und viele Menschen, die der Regierung gegenüber sehr feindselig eingestellt sind. Ich treffe Oppositionelle, die die Militarisierung des Konflikts – von beiden Seiten – von Anfang an abgelehnt haben. Sie engagieren sich für die Inlandsvertriebenen, im zivilgesellschaftlichen Bereich, kulturell und in Versöhnungskomitees. Leider finden diese, meist sehr klugen Menschen in hiesigen Medien kaum Gehör.

In verschiedenen Interviews kritisieren Sie die einseitige Berichterstattung der deutschen Medien über den Krieg. Wodurch zeichnet sich Ihrer Meinung nach die deutsche Berichterstattung aus und wie würden Sie sich eine künftige Berichterstattung wünschen?

Die Journalisten sollten nicht von anderen Zeitungen oder Agenturen abschreiben, sie sollten nach Syrien kommen, um sich selber ein Bild zu machen, eigene Erfahrungen zu sammeln, selber Leute zu treffen. In den Redaktionen sollten mehr Hintergründe recherchiert werden und zwar ohne sie von vornherein in »gut« und »böse« einzuteilen. Die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland haben genau dazu auch einen Auftrag und werden mit unseren Steuergeldern finanziert. Ihre Aufgabe ist es nicht, Feindbilder zu schaffen und zu bedienen, sie müssen Fakten vermitteln, die von Kommentaren getrennt zu handeln sind. Zu den Fakten gehört auch, Friedens- und Dialog-Initiativen zu porträtieren, zu erklären. Davon gibt es eine Fülle in Syrien und es gibt den UN-Sondervermittler für Syrien und sein Team. Syrien ist mehr als Krieg und Tod. Selbst wo gekämpft wird, suchen die Menschen noch nach einer Verständigung.

Susan Sontag zufolge stumpfen wir mit der Zeit ab, wenn wir Bilder vom Leiden anderer betrachten und können letztlich nicht begreifen, dass diese Bilder einer Realität entsprechen. Interessieren wir uns in Deutschland überhaupt noch (genug) für Syrien?

Meine Erfahrung bei Veranstaltungen ist, dass die Menschen sehr interessiert sind zu erfahren, was in Syrien geschieht. Als spürten sie, dass die Bilder, die wir sehen, nicht alles sein können, nur einen  Ausschnitt darstellen. Tatsächlich gibt es mehr als die ausgewählten Bilder, die man uns hier zeigt. Bilder, die uns emotional empören aber hilflos zurücklassen. Die einen stumpft das ab, die anderen fordern mehr Militär, mehr Waffen, mehr Druck, mehr Sanktionen. Die andauernde Eskalation – militärisch, medial, politisch – macht die Menschen müde und hoffnungslos. Gleichwohl gibt es in Deutschland auch noch Menschen mit eigenen Kriegserfahrungen, sie erinnern sich an den 2. Weltkrieg, in dem sie Kinder waren. Und weil sie sich an die Schrecken erinnern, helfen sie heute Menschen, die leiden.
Die Menschen in Syrien leben täglich mit diesem Leid, sie können sich nicht abwenden oder den Fernseher abschalten. Egal ob sie im Osten oder im Westen von Aleppo leben, egal ob sie irgendwo als Flüchtling leben, sie tragen das Leid in sich. Und gerade weil die Syrer Leid am eigenen Leib, in der eigenen Familie, in der eigenen Wohnung erleben, darum wollen sie, dass der Krieg endlich aufhört. Das unterscheidet die Menschen in Syrien natürlich von uns hier, die nur zusehen. Sie wollen keine Eskalation, sie suchen nach Wegen der Umkehr, sie wollen die Gewalt beenden. Männer geben ihre Waffen ab und versuchen, mit ihren Familien ein neues Leben zu beginnen. Überall sind Versöhnungskomitees aktiv. Selbst jetzt, in Aleppo versuchen diese Komitees die Gewalt zu stoppen. Würde dieser Ruf nach Frieden, dieses Engagement aus Syrien auch in unseren Medien durchdringen, dann würden wir nicht mehr auf Tod und Zerstörung starren und uns desinteressiert, müde und hoffnungslos abwenden. Wir könnten aufatmen und hoffen. Nichts mobilisiert Menschen mehr, als die gute Nachricht, dass Krieg beendet werden kann.


Flächenbrand Syrien
Vortrag von Karin Leukefeld

Karin Leukefeld berichtet seit dem Jahr 2000 als freie Journalistin aus dem Nahen und Mittleren Osten und hat 2016 die Reportage »Flächenbrand. Syrien, Irak, die arabische Welt und der Islamische Staat«  veröffentlicht. Ende September ist sie mit aktuellen Eindrücken aus der Region zurückgekommen.

23. Oktober 18.00 Uhr bis 19.00 Uhr im Foyer der Kammerspiele

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